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Valerie Keilhau, stellvertretende Geschäftsführerin und Leiterin der Abteilung Aus- und Fortbildung bei der Hamburgischen Notarkammer, berät Studienzweifelnde zur Ausbildung zur Notarfachangestellten. Sie begrüßt die Bewerbung von Studienaussteigenden: „Es kann sein, dass man sich mit der Entscheidung für ein Studium einfach mal vertut. Das ist aber nichts Negatives.“

Trocken, bürokratisch, laaangweilig – Valerie Keilhau weiß, welche Assoziationen das Wort „Notariat“ bei vielen Menschen auslöst. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Notarfachangestellte bearbeiten ein breites Spektrum. Gesellschafts- und Immobilienrecht, Familien- und Erbrecht gehören dazu. Außerdem übernehmen sie von Anfang an die direkte Kommunikation mit den Mandanten. Dabei arbeiten sie sehr selbstständig. „Die gesamte Kommunikation vor dem Notartermin und auch im Anschluss – etwa mit den Gerichten – läuft über die Notarfachangestellten. Sie bereiten auch komplett eigenständig Verträge aus den verschiedenen Rechtsbereichen vor“, beschreibt Keilhau den Arbeitsalltag von Notarfachangestellten.

Gute Chancen für Studienaussteiger/innen

In der Regel lernen Auszubildende zur Notarfachangestellten dual drei Jahre im Notariat und parallel an der Berufsschule. Bei einer guten Zwischenprüfung lässt sich die Ausbildung auf zweieinhalb Jahre verkürzen. Keilhau nennt eine ermutigende Zahl für ausbildungsinteressierte Studienzweifelnde: „Menschen, die aus dem Studium kommen, schaffen das zu 99 Prozent.“ Nicht nur ehemalige Jura-Studierende, auch Bewerber aus anderen Fächern sind willkommen. „Wir sind da sehr offen“, so Valerie Keilhau über die Haltung der meisten Hamburger Notariate.

Neigung statt Noten

Sorgen um die Noten aus dem Studium müssen sich Bewerber nicht machen. „Wir gucken nicht in erster Linie auf den Durchschnitt. Was allerdings zu 100 Prozent stimmen muss, sind die Deutschkenntnisse, vor allem im Schriftlichen. Fehler in E-Mails oder Schreiben wirken hier einfach schnell unseriös“. Grundsätzliches Interesse an rechtlichen Vorgängen und Vertragsrecht versteht sich von selbst. Auch Lust auf Büroarbeit sollten die Bewerber mitbringen – vielleicht der einzige Punkt, an dem die Wirklichkeit dem Klischee doch nahekommt. Keilhau weiß: „Am Ende des Tages sitzt man schon zu 80 Prozent der Zeit am Computer.“ Da Notariate in Teamarbeit funktionieren und Mandanten häufig von mehreren Kollegen betreut werden, braucht es zudem Freude an Teamwork.

Karriereaussichten inklusive

Notarfachangestellten stehen verschiedene Karrierewege offen. Dazu gehört der Bereich Personalführung. „Notare und Notarinnen brauchen in der Regel sieben bis zehn Notarfachangestellte, um ihre Arbeit zu machen“, berichtet Keilhau. Wenn sich mehrere Notare zu einem größeren Notariat zusammenschließen, können es auch schon einmal um die hundert Mitarbeiter sein. Diese Organisationsstruktur bietet Aufstiegschancen zur Teamleitung. Vor allem in größeren Notariaten kommt noch die Möglichkeit dazu, sich auf bestimmte Fachgebiete zu spezialisieren und innerhalb des Teams eine Expertenposition auszufüllen – etwa als Spezialist für Unternehmensfusionen. Wem die Welt im Notariat irgendwann zu eng wird, kann in andere Branchen wechseln: „Banken, Immobiliengesellschaften und Versicherungsunternehmen nehmen Notarfachangestellte mit Handkuss“, weiß Keilhau aus Erfahrung.

Perspektiven: Notarfachwirt/in und mehr

Die hohe Akzeptanz von Studienaussteigenden bei Notarinnen und Notaren ergibt sich auch aus ganz pragmatischen Erwägungen: Diese Bewerber bleiben in der Regel nach der Ausbildung im Job, denn sie haben sich im akademischen Umfeld schon erprobt und sich bewusst für einen anderen Weg entschieden. Für alle, die es nach einigen Jahren Berufserfahrung doch noch einmal wissen möchten, kooperiert die Hamburgische Notarkammer mit der Beuth Hochschule für Technik Berlin. Im Rahmen eines Fernstudiums kann man sich dann zum/zur Notarfachwirt/in ausbilden lassen.

Zukunftssicher – Mensch statt Algorithmus

Studien prognostizieren, dass in den nächsten 20 Jahren auch in rechtspflegerischen Berufen Tätigkeiten automatisiert werden und der Personalbedarf sinken wird. Für Studienzweifelnde lohnt sich der Wechsel in das Berufsfeld Notarfachangestellte/r dennoch. Valerie Keilhau kennt den Grund: „Notarfachangestellte arbeiten beratungsintensiv. Niemand wird ein Haus kaufen, ohne sich von einem Experten persönlich beraten haben zu lassen. Das gilt erst recht für so sensible Themen wie Testamente oder einen Ehevertrag. Bei solchen Dingen will kein Mensch mit einer App sprechen.“ Zahlen aus einer gemeinsamen Untersuchung des Instituts für Arbeits- und Berufsforschung und des Bundesinstituts für Berufsbildung stützten ihre Einschätzung. Laut dieser Studie liegt das „Substituierungspotenzial“ für alle Rechtsberufe bei überschaubaren 18,4 Prozent.

 

Du interessierst dich für eine Ausbildung zum/zur Notarfachangestellten?

Hier findest du alle Informationen der Hamburgischen Notarkammer.

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