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„Wenn ich gewusst hätte, wie offen die Betriebe sind, hätte ich mich schon viel früher beworben.“ Diese Rückmeldung eines Studienaussteigers bestärkt Birgit Weinrich von der Handwerkskammer Hamburg in ihrer Arbeit. Im Rahmen des Projekts „Passgenaue Besetzung von Ausbildungsplätzen“ berät sie Studienaussteiger/innen, die es in handwerkliche Berufe zieht. Und hilft ihnen dabei, die passende Ausbildung zu finden.

Praxis statt Theorie

„Im Handwerk suchen wir händeringend gute Leute“, weiß Weinrich. Beratungsbedarf besteht dennoch. Zwar ähneln sich Weinrichs Erfahrung nach die Gründe dafür, das Studium gegen einen Handwerksberuf zu tauschen. „Eigentlich sagen alle, die zu mir kommen: ‚Das Studium ist mir zu theoretisch’“, erzählt sie. „Sie möchten etwas herstellen, die Hände benutzen, am Ende des Tages ein Produkt oder eine Dienstleistung sehen.“ Darüber, wie dieses Produkt zustande kommt, muss Weinrich mitunter deutlich aufklären. Beispiel Tischlerhandwerk: 80 bis 90 Prozent der Studienaussteigenden, die zu Weinrich in die Beratung kommen, möchten Tischer oder Tischlerin werden. Nicht alle bringen ein zutreffendes Bild vom Berufsalltag mit. „Manche kommen mit der Erwartung, dass sie als Tischler/Tischlerin schöne Biomöbel bauen. Die meisten Betriebe machen jedoch Innenausbau oder bauen Türen und Fensterrahmen ein. Möbelbau ist die Ausnahme“, erläutert Weinrich.

 

Unterschätzte Berufe entdecken

Wenn die Wunschvorstellung nicht der Realität entspricht, lohnt es sich, den Blick zu erweitern. Immerhin gibt es insgesamt 130 Ausbildungsberufe im Handwerk, die kaufmännischen Ausbildungen in den Betrieben eingerechnet. Einige Bereiche fragen Studienaussteigende stärker nach als es Ausbildungsplätze gibt. „Das gilt für alle gestalterischen Berufe wie etwa Goldschmieden, Raumausstattung oder Fotografie“, so Weinrich. Daneben existieren viele Berufe, die unterschätzt oder erst gar nicht bekannt sind. Weinrich kennt dieses Problem: „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“, seufzt sie. Typischerweise unterschätzte oder unbekannte Berufsfelder sieht sie etwa bei den technischen Berufen wie Anlagenmechaniker/in oder im Elektronikhandwerk. Weinrich berichtet: „Studienaussteiger/innen, die in diese Richtung gehen, sind immer wieder sehr beeindruckt davon, wie vielseitig die Aufgaben sind, freuen sich über die Möglichkeit, sich innerhalb des Berufs zu spezialisieren und entdecken ungeahnte Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten.“ Ein notorisch falsches Bild herrscht vor allem beim Thema Gebäudereinigung. „Das ist viel mehr als Putzen gehen. Man schließt die Ausbildung immerhin als Fachkraft ab, kann sich dann spezialisieren – etwa auf Krankenhausreinigung – oder als Objektleitung ins mittlere Management wechseln“, stellt Weinrich klar. Dann geht es um Einsatzplanung, Kundenbetreuung, Beschwerdemanagement und Personalführung.

 

Karriereoptionen inklusive

Überhaupt bewertet Weinrich die Karrierechancen im Handwerk positiv. Zusätzlich zum Meister- bzw. Meisterinnen-Brief oder Betriebswirt/Betriebswirtin im Handwerk stehen in Hamburg viele Betriebe in den nächsten zehn Jahren zur Übernahme an. Weinrich ist überzeugt: „Für wen Selbstständigkeit eine Option ist, dem kann ich eigentlich nur raten, ins Handwerk zu gehen.“ In größeren Betrieben gibt es die Möglichkeit, angestellt Führungspositionen zu übernehmen. Auf dem Elbcampus Hamburg bietet die Handwerkskammer zudem ein umfassendes Weiterbildungsprogramm an. Dort ist auch die Berufsakademie Hamburg angesiedelt. Wer sich doch noch nicht ganz vom Studieren verabschieden mag, kann die handwerkliche Ausbildung mit einem Bachelor-Abschluss kombinieren. Pro Jahr starte jeweils eine Klasse mit Teilnehmenden aus allen Gewerken. „Die Betreuung ist persönlicher als an der Uni und man profitiert unmittelbar von den unterschiedlichen Erfahrungen“, beschreibt Weinrich das Duale Studium. Das Beste: Nach vier Jahren kann man mit Geselle/Gesellinnennbrief plus Berufserfahrung plus Studienabschluss richtig durchstarten.

 

Bewerbung für Handwerksberufe? Birgit Weinrich weiß, worauf es ankommt:

Praktikum – „Fast alle Betriebe wünschen sich, die Bewerber/innen im Praktikum kennenzulernen. Das ist gut für alle: Die Bewerber/innen erfahren, was konkret auf sie zukommt und wie die Kolleg/innen ticken; die Ausbildungsbetriebe sehen, wie sich die Bewerber/innen handwerklich anstellen und können einschätzen, ob der Beruf passt.“

Motivation – „Viele Studienaussteigende geben sich viel Mühe, ihre Gründe für den Ausstieg umfassend darzulegen. Das ist den Betrieben jedoch gar nicht so wichtig. Viel mehr zählt die Motivation: Warum dieses Handwerk? Warum dieser Betrieb? Auch Vorerfahrungen mit handwerklichen Tätigkeiten interessieren die Ausbildungsbetriebe.“

Bewerbungsunterlagen – „Kleine und mittelständische Handwerksbetriebe haben häufig keine eine eigene Personalabteilung. Es hilft ihnen daher, die Bewerbungsunterlagen übersichtlich zu halten. Aussagekräftig sollten sie natürlich schon sein – aber eine dicke Mappe überfordert die meisten Betriebe.“

 

Hier geht es zum Projekt „Passgenaue Besetzung von Ausbildungsplätzen“ der Handwerkskammer Hamburg.

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