Zwischen 0 und 1 ist viel Platz: „neue fische“ hilft beim shift in digitale Berufe

Dalia Das lernte in den USA das Format der Technology Bootcamps kennen und schätzen. Sie bilden Quereinsteiger erfolgreich zu stark nachgefragten Web Developern und Data Scientists aus. Kurzerhand gründete sie in Deutschland das Unternehmen „neuefische – School and Pool for Digital Talent“.

 

Das erfährst du hier:

  • Wie hat Dalia Technology Bootcamps nach Deutschland gebracht?
  • Was genau bietet neuefische an?
  • Wie funktionieren die Trainings von neuefische?
  • Wer kann teilnehmen?
  • Wie werden die Teilnehmer/innen ausgewählt?
  • Und was ist mit Geld?

 

Wie hast du es geschafft, Technology Bootcamps nach Deutschland zu bringen?

In Deutschland fehlen Fachkräfte für digitale Berufe wie Entwickler/innen und Data Scientists. Das wusste ich aus vielen Gesprächen mit Personalverantwortlichen und Geschäftsführenden. 124.000 sind es 2019 laut dem Verband BITKOM gewesen. 150 Tage dauert es oftmals um eine der Stellen zu besetzen. Und ganz oft habe ich den Satz gehört: „Ob die Bewerber/innen ein abgeschlossenes Studium haben oder nicht, ist uns gleich – wenn sie denn trotzdem ihre Fähigkeiten demonstrieren können.“ Das ist für Studienaussteiger/innen natürlich schwierig. Da kann man erst einmal nur zeigen, was man nicht mehr wollte oder was man nicht konnte – im Gegenzug aber nicht beweisen, was man denn kann. Darum war meine nächste Frage an die Unternehmen: „Was müssen Quereinsteiger/innen oder Umsteiger/innen denn können, damit ihr ein gutes Gefühl bei den Bewerbungen habt?“ Im Grunde ging es mir darum abzuklären, ob deutsche Arbeitgeber/innen schon bereit sind für Formate wie die Technology Bootcamps. Deutschland. Und es hat sich gezeigt: Ja, das geht auch hier – wenn sich das Intensivtraining eng an der späteren beruflichen Praxis orientiert. Darum vermitteln wir bei neuefische jetzt genau das Handwerkszeug, was die Kursteilnehmer/innen für den Einstieg in den neuen Job brauchen.

 

Was genau bietet ihr bei neuefische an?

Zurzeit gibt es zwei Programme: das Training zum/zur Web-Entwickler/in und zum Data Scientist. Die Weiterbildung zum Webdeveloper legt den Schwerpunkt auf JavaScript als Programmiersprache und das von Facebook ins Leben gerufene Framework React. Das Endprodukt des Boot Camps ist dann eine App, die funktionieren muss und auch wirklich zum Einsatz kommt. Das ist auch ganz spannend für diejenigen Umsteiger/innen, die sich eigentlich nicht für besonders technikaffin halten. Ganz neue gibt es ein Bootcamp für die Programmiersprache Java, die im Markt ebenfalls sehr nachgefragt ist. Web- und Softwareentwickler gelten als Mangelberufe, und sind sogar bei der Agentur für Arbeit als solche gelistet.

 

Außerdem gibt es bei uns die Weiterbildung zum Data Scientist. Da geht es darum, große Datenmengen so ergiebig wie möglich zu verarbeiten und mit Hilfe von Machine Learning konkrete Vorhersagen zu treffen. Dieses Training eignet sich zum Beispiel für Menschen mit einem Studienhintergrund in den Natur- oder Ingenieurswissenschaften – auch für diejenigen, die zum Beispiel schon sehr lange Naturwissenschaften studieren, aber irgendwie den Abschluss nicht hinbekommen und aufgeben. Die sind häufig absolut ausreichen qualifiziert um in unser Programm einzusteigen – und danach auch in den Job. In beiden Programmen lernt man neben den fachspezifischen Themen auch den Umgang mit modernen Managementmethoden und Tools, die das Zusammenarbeiten und das Versionieren leichter machen.

 

Wie baut ihr die Trainings bei neuefische auf?

Ganz wichtig finde ich, dass wir sehr nah an den tatsächlichen Anforderungen an die Zielberufe ausbilden. Im Grunde bilden die Kursinhalte die ganz handfesten Kenntnisse ab, die in den Stellenausschreibungen abgefragt werden. Dazu gehören etwa bestimmte Programmiersprachen oder Arbeitsweisen. Unsere Absolvent/innen passen dann einfach eins zu eins auf so eine Stellenbeschreibung. Darum ist auch der Praxisanteil bei unseren Trainings sehr hoch. Dabei arbeiten die Kursteilnehmer/innen im Pair Programming, einer Arbeitsweise, die auch im Job später so stattfindet. Wir legen besonderen Wert auf sichtbare Ergebnisse, am Ende der Lerneinheiten steht ein schnelles Erfolgserlebnis – so was fehlt natürlich im Studium erst mal. Außerdem arbeiten die Teilnehmer/innen drei Monate wirklich intensiv in einer überschaubaren Gruppengröße, das bedeutet konkret: acht bis neun Stunden am Tag in einen festen Klassenverband von etwa 15 Leuten. Das kommt vor allem denjenigen entgegen, die so viel Energie in die Selbstorganisation an der Hochschule stecken mussten, dass sie am Ende deswegen aus dem Studium ausgestiegen sind. Zum Schluss erstellen alle Teilnehmer/innen ihr „digitales Gesellenstück“: Bei den Web Developern ist es die App, bei den Data Scientists verbergen sich hinter Namen wie BäckerAI, FC Python oder Översetter spannende Anwendungen, die mit Hilfe von Machine Learning Methoden und neuronalen Netzen komplexe Fragestellungen beantworten helfen.

 

Für wen eignen sich die Trainings von neuefische?

Viele Teilnehmer/innen kommen natürlich aus den Naturwissenschaften, etwa wenn sie nach zwei, drei Semestern feststellen: Das ist doch nichts für mich. Aber es gibt auch Aussteiger/innen aus Geisteswissenschaften wie sprach- und kulturwissenschaftlichen Studiengängen. Als Sprachwissenschaftler/in zum Beispiel ist man durchaus affin für Programmiersprachen – das wird einem meistens nur nicht so erklärt. Die meisten hören immer, dass man fürs Programmieren Mathematik braucht. Das braucht man aber gar nicht, ein gutes Sprachverständnis hilft da schon viel mehr. Bei uns sind schon Aussteiger/innen aus Fächern wie Anglistik oder Europawissenschaften in den Kursen supergut geworden und dann anschließend auch schnell in einen entsprechenden Job eingestiegen. Und dann kommen noch die Umsteiger/innen dazu, die schon erste Berufserfahrung haben. Das ergibt insgesamt eine spannende Mischung, auch von der Altersstruktur und vom sozialen Gefüge her. Zurzeit etwa haben wir drei Mütter dabei. In so einer Konstellation sitzt man ja sonst nicht unbedingt beim den Einstieg in die digitale Arbeitswelt zusammen.

 

Wie wählt ihr die Teilnehmer/innen aus?

Wir haben ein dreistufiges Auswahlverfahren: zwei Interviews und eine moderierte Übung. Da geht es uns aber nicht um Noten oder Abschlüsse, wir schauen vielmehr auch auf die richtige Motivation, auf Kommunikationsfähigkeit und Teamgeist. Und wir versuchen zu verstehen, woran das Studium gescheitert ist. Was war da schwierig? Glauben wir, dass wir das bei neuefische besser machen können? Dazu gehören solche Dinge wie Größe der Gruppe, enge Betreuung, übersichtliche Organisation. Auf jeden Fall wollen wir so ein bisschen den „Zug zum Tor“ erkennen können, sprich: Sind die Bewerber/innen wirklich motiviert? Wer noch gar nicht mit dem Thema Programmierung in Berührung gekommen ist, dem geben wir nach dem ersten Gespräch ein paar frei verfügbare Ressourcen mit, um sich selbst in das Thema Programmierung einzufinden und herauszufinden, ob das wirklich etwas für sie ist. Das fragen wir dann in einer zweiten Runde, nachdem sie sich ein bisschen vorbereiten konnten, ab. Dabei ist natürlich auch der Spaßfaktor ganz wichtig. Bei den Data Scientists legen wir noch etwas mehr Wert auf das Programmieren in der moderierten Übung und setzen Vorkenntnisse in Statistik voraus, der Kurs ist insgesamt einfach komplexer.

 

Wie kann man die Boot Camps finanzieren?

Die Trainings kosten ca. 8000 Euro für die drei Monate, das umfasst auch ein Laptop, das wir für die Dauer des Kurses stellen. Grundsätzlich sind wir ein privater Anbieter, die Teilnehmer/innen müssen die Kosten also selbst tragen. Besonders beliebt ist aber unser Späterzahlmodell. Dabei gehen wir erst einmal für die Teilnehmer/innen ins finanzielle Risiko – übrigens ein Grund, warum uns das Auswahlverfahren so wichtig ist. Die Teilnehmer/innen müssen erst ein Jahr, nachdem sie im Job sind, mit der Rückzahlung der Kursgebühr beginnen. Die meisten finden innerhalb der ersten drei Monate einen Job; statistisch gesehen stehen nach sechs Monaten nach Abschluss 92 Prozent unserer Absolvent/innen schon im Beruf. Die Raten passen sich dem Einkommen an und nehmen auch auf Pausen Rücksicht, etwa bei Elternzeit oder wenn doch noch mal eine längere Auszeit ansteht. Dann setzt die Zahlungsverpflichtung für diese Zeit aus. Man kann natürlich auch selbst und sofort zu zahlen – oft sind es auch die Eltern oder Großeltern der Teilnehmer, die den Wunsch zur Weiterbildung zum Webdeveloper oder die Weiterbildung zum Data Scientist finanziell unterstützen. „Eine dritte Möglichkeit gibt es auch noch: Unter bestimmten Umständen können sich auch Studienaussteiger/innen die Intensivtrainings über einen Bildungsgutschein die finanzieren. Wir haben uns entsprechend zertifizieren lassen. Studienaussteiger/innen sollten sich daher zumindest mal bei ihren Betreuer/innen des Jobcenters informieren, ob die Kursgebühr tatsächlich auch über einen solchen Bildungsgutschein abgedeckt werden kann.

 

Du möchtest mehr über das Angebot von „neuefische“ wissen?

Aber gern: https://neuefische.de/

 

Du möchtest mehr über die Gründerin Dalia Das und ihren Berufsweg erfahren?

Hier findest du Teil 1 unseres Interviews mit Dalia!

Erfolgreich gründen mit Studienwechsel

Dalia Das startete nach dem Abitur mit einem Jura-Studium. Es lief gut. Trotzdem wurde sie das nagende Gefühl nicht los, dass sie mit den Rechtswissenschaften noch nicht auf dem richtigen Weg war. Der Wechsel zum Studiengang „International Management“ an der Fachhochschule Dortmund erwies sich dann als Volltreffer. Heute leitet Dalia Das das von ihr gegründete Unternehmen „neuefische – School and Pool for Digital Talent“.

 

Man muss nicht immer Recht behalten

Eigentlich wusste Dalia Das genau, was sie will: ein Jura-Studium. Tatsächlich klappte es nach dem Abitur direkt mit einem Studienplatz an ihrer Wunsch-Uni in Münster. „Münster passte gut, weil ich da von zu Hause aus gut hinkommen konnte. Und Jura als Fach fand ich spannend, alles hat ja irgendwie mit Recht zu tun. Außerdem hantiere ich schon immer gern mit Sprache. Da erschien mir Jura durchaus passend, da geht es ständig darum, Texte auszulegen,“ begründet Das ihre Studienwahl. Die anfängliche Begeisterung wich bald schon großer Ernüchterung. „Mir war das Studium zu theoretisch, es bestand für mich zu viel aus Lesen und viel zu wenig aus spannenden Fällen“, berichtet Das. Parallel zum Uni-Leben arbeitete sie als studentische Hilfskraft in einer kleinen Unternehmensberatung, die Marktforschung betreibt und Unternehmen strategisch berät. „Ich habe erst mal so typische Aushilfstätigkeiten übernommen. Aber rechts und links vom Kopierer konnte ich viel von der eigentlichen Arbeit mitbekommen, die fand ich sehr interessant. Vor allem der unmittelbare Praxisbezug gefiel mir sehr.“ Als ein Kollege ihr vorschlägt, das Studienfach zu wechseln, um später im Unternehmen mitarbeiten zu können, kommt Das ernsthaft ins Grübeln. „Ich hatte meine ersten Jura-Prüfungen ganz ordentlich gemacht. Aber so richtig zielführend erschien mir das nicht mehr. Und einfach weitermachen, nur um das Studium zu Ende zu bringen? Dafür lagen noch zu viele Semester vor mir, ich war ja gerade erst im zweiten Semester angekommen,“ erzählt sie.

 

Neustart mit neuem Studienfach

Es war für Dalia Das nicht ganz einfach, ihren Eltern und ihrem Freundeskreis den Kurswechsel plausibel zu machen. „Ich hatte ja durchaus Erfolg im Studium, Freunde gefunden, eine funktionierende Lerngruppe. Das war alles irgendwie gut. Aber ich hatte das Gefühl: Mein Jurastudium begeistert alle anderen mehr als mich.“ Dazu kam: Durch den Studierendenjob in der Unternehmensberatung entdeckt Das ihr Faible fürs Internationale. „Ich fand es toll, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch in anderen Ländern unterwegs waren. Die Beratungsfirma hat ein Büro in Paris und in Kopenhagen, das fühlte sich schon wie die große weite Welt an. Mit einem deutschen Staatsexamen in Jura hingegen kann man nicht ohne weiteres im Ausland arbeiten.“ Kurzentschlossen bewirbt sich Das auf Studiengänge, die damals ganz neu an Fachhochschulen angeboten werden. „Ich wünschte mir Praxisbezug, die Chance, im Ausland zu studieren, und einen international anerkannten Abschluss zu machen“, erläutert Das. Sie bekommt eine Zusage der Fachhochschule Dortmund für den Studiengang „International Management“, inklusive zwei Semester Auslandsstudium an ausgewählten Partnerhochschulen. Das lacht, als sie erzählt: „Tja, da musste ich mich plötzlich entscheiden, ob ich mich wirklich exmatrikuliere und mich woanders wieder einschreibe. Es war schon ein seltsames Gefühl, die Jura-Exmatrikulation in der Hand zu halten. Ich habe die tatsächlich aufbewahrt.“ Die Freude über den Neustart überwiegt schließlich. Das studiert vier Semester in Dortmund und geht für zwei Semester nach Amsterdam. Zum Studiengang gehört zudem ein praktisches Auslandssemester, dafür geht Das nach Kopenhagen. Und schreibt dann zu guter Letzt ihre Diplomarbeit.

 

Begeisterung für Online und Bildung

Nach dem Studienabschluss beginnt Das ihre Berufstätigkeit tatsächlich bei der Unternehmensberatung, bei der sie noch als Jura-Studentin gejobbt hat. Danach folgen Stationen bei AOL Deutschland und Bertelsmann. Dabei entdeckt Das ihre Faszination fürs Digitale: „Das Internet hat mich total begeistert. Ein klassisches Medienhaus wie Bertelsmann auf digitale Produkte und Prozesse umzustellen, war eine echte Herausforderung“. Das arbeitet ab 2009 bei Bertelsmann in verschiedenen Positionen der Geschäftsentwicklung. Als das Medienhaus in den Bildungsbereich einsteigt, nutzt sie die Gelegenheit und sucht in den USA nach Modellen für innovative, alternative Bildungswege. Dort lernt sie das Konzept der

Programmierungs-Bootcamps kennen. „In den Bootcamps werden Quereinsteiger/innen in nur drei Monaten für digitale Berufe qualifiziert,“ berichtet Das. „Die Teilnehmer/innen wollen sich zum Teil Jobs mit besseren Perspektiven erarbeiten, andere möchten einfach Teil dieser neuen, spannenden Berufswelt werden. Das funktioniert da sehr, sehr gut.“

 

Gründen mit guten Gründen

Nach ihrer Elternzeit steht für Dalia Das noch einmal ein shift an: Das ständige Reisen in die USA passte einfach nicht mehr zu mir. Um Familie und Beruf, Liebe zum Digitalen und zum Unternehmerischen nach eigenen Bedürfnissen unter einen Hut zu bekommen, beschließt sie: Die Bootcamps sind doch eigentlich auch ein Format für Deutschland! Das nimmt sich ein Jahr Zeit, ihre Idee auf Bits und Bytes zu prüfen. Sie spricht mit Personalverantwortlichen und Geschäftsführungen, klärt Bedarf und Zweifel bei den Unternehmen, informiert sich über notwendige Ausbildungsinhalte – und gründet 2018 ihr Unternehmen „neuefische School and Pool for Digital Talent“. Seitdem können unter anderem Studienaussteiger/innen in drei Monaten Intensivkurs die Weichen für ihr Berufsleben in der digitalen Welt neu stellen. Damit sich der Weg ins Berufsleben endlich wieder richtig anfühlt.

 

Du möchtest mehr über das Angebot von „neuefische“ wissen?

Aber gern: https://neuefische.de/

Oder lies Teil 2 unseres Interviews mit Dalia Das. Sie erklärt ausführlich, wie das Angebot funktioniert.