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„Es hat viele Nachteile, nicht zu prokrastinieren.“ Moment, wie bitte? Das kann sich nur um einen Versprecher handeln. Bernd Nixdorff, Diplom-Psychologe und Teamleiter Psychologische Beratung bei der Zentralen Studienberatung und psychologischen Beratung (ZSPB) der Uni Hamburg, meint es jedoch ganz ernst. Er unterstützt Studierende dabei, ihrer Lust ebenso wie ihrem Frust angesichts des ewigen Aufschiebens auf die Schliche zu kommen.

Viele Beratungsgespräche mit Bernd Nixdorff beginnen gewissermaßen mit einer Flucht nach vorn. „ ‚Ich bin hier, weil ich aufschiebe. Das nennt man ja Prokrastinieren.’ Diesen Satz höre ich im ersten Kontakt ganz oft“, berichtet der psychologische Psychotherapeut. „Und dann lächeln alle.“ Kein Wunder: „Das Thema Aufschieben kennt jeder – und jeder schiebt irgendetwas auf“, so Nixdorff. Auch in Seminaren zu Themen wie Zeit- und Selbstmanagement wird viel gelacht, wenn die Rede aufs Vor-sich-Herschieben kommt. „Lust und Frust liegen beim Prokrastinieren eng beieinander“, ist Nixdorff überzeugt. Es macht einfach mehr Spaß, ein Eis essen zu gehen statt Bücher zu wälzen oder mit Freunden an der Alster zu liegen, statt in der Stabi zu hocken. Oder eben auch, die längst überfällige Fahrradreparatur zu erledigen, statt die Versuchsreihe im Labor auszuwerten und es auf den letzten Drücker dann eben doch noch irgendwie zu schaffen.

Wenn Aufschieben zum Problem wird

Ist Prokrastinieren also gar kein Problem? Kommt drauf an, sagt Nixdorff: „Die meisten, die prokrastinieren, haben damit Erfolg und kriegen ihre Aufgaben geregelt – allerdings mit viel Stress. Aufschieben kann aber auch viel Leid schaffen: Wenn ich mein Studium deswegen nicht abschließen kann oder nicht mehr aufstehe oder die Folgen so groß sind, dass daraus Probleme erwachsen – dann ist Prokrastinieren das eigentliche Problem.“ Oft trifft es Studierende, die ihre Schulzeit trotz minimalem Aufwand sehr erfolgreich abgeschlossen haben: „Für die Schule habe ich nie was machen müssen!“ Im Umfeld der Hochschule stoßen sie dann an Grenzen. Lernkultur, Arbeitsroutinen und Arbeitsdisziplin müssen sie erstmals im Leben mühsam entwickeln. Perfekte Ergebnisse abliefern zu wollen verhindert ebenfalls, dass die längst überfällige Hausarbeit aufs Papier kommt. Wenn es blöd läuft, entwickelt sich ein Teufelskreis: „Macht das Aufschieben dauerhaft Probleme, verliert man die Motivation und kann dann schnell auch am Studium insgesamt zweifeln“, beobachtet Nixdorff.

Raus aus dem Teufelskreis

Neben der Einzelberatung helfen auch Gruppenangebote der ZSPB dabei, Prokrastinieren durch wohltuendere Verhaltensweisen zu ersetzen. In fortlaufenden Seminaren und Workshops kommen die Teilnehmenden sich gegenseitig auf die Schliche, erarbeiten gemeinsam Strategien, hinterfragen Erwartungen und Selbstbilder und trainieren konkrete Arbeitstechniken. Dazu gehört auch eine klare Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit. „Studierende haben ja eigentlich nie frei, sie könnten immer noch mehr für eine Prüfung lernen oder noch eine bessere Hausarbeit schreiben“, erläutert Nixdorff das Dilemma. Häufig mischen sich die Bereiche und werden zur „Müllzeit“: Der Kopf ist weder richtig frei für Erholung noch wird ordentlich gelernt. Die Mühe, Arbeit und Freizeit zu trennen sowie sich passende Arbeitsstrategien anzutrainieren, lohnt sich. Die Studierenden erleben, dass sie sich selbst verstärken können: „Erfolgserlebnisse machen erfolgreich“, erläutert Nixdorff. „Die Lust am Studium steigt, es gelingt mehr, das Selbstbewusstsein wächst – die Studierenden wechseln sozusagen vom Teufelskreis in den Engelskreis.“

Auf Spurensuche

Mitunter ist das Thema Prokrastinieren auch der Einstieg in einen tiefergehenden Beratungsprozess. Nixdorff: „Oft ist das ständige Aufschieben in eine ganz andere Problematik eingebunden. Dann stehen hinter dem vordergründigen Prokrastinieren größere Themen wie Selbstwertkrisen, Depressionen oder andere psychische Erkrankungen oder innere Konflikte, die nicht gelöst sind.“ In diesen Fällen reicht es natürlich nicht, Arbeitsstrategien zu trainieren oder Wochenpläne zu schreiben. Darum gucken Bernd Nixdorff und seine Kolleg/innen in den ersten Gesprächen immer ganz genau auf die Menschen, die zu ihnen kommen. Mit Erfolg: „In der Regel sind die Studierenden sehr erleichtert, wenn im Gespräch bei uns zur Sprache kommen kann, was sie wirklich betrifft“, so Nixdorff. Gemeinsam mit den Betroffenen überlegt er dann, wie es weitergeht und leitet die erforderliche psychotherapeutische Hilfe ein.

Du prokrastinierst? Und findest allein keine Lösung? Nur Mut! Bernd Nixdorff hat einen Tipp für dich: „Am wichtigsten ist es: Ehrlich mit sich sein und Verantwortung übernehmen. Dazu gehört es auch, sich Unterstützung zu holen. Zwar gilt: Nur du allein schaffst es. Aber vielleicht schaffst du es nicht allein! Wir sind dafür da, Studierende zu unterstützen – und wir wünschen uns auch, dass Betroffene sich an uns wenden!“

 

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